Kurt Holler
Eduard Kurt Robert Holler (* 21. April 1901 in Hayingen in Lothringen; † 1967 oder 1981) war ein deutscher Mineraloge und „Rassenforscher“ während der Zeit des Nationalsozialismus. Er war Professor für Rassenbiologie an der Universität Göttingen.
Leben und Wirken
Akademischer Werdegang als Mineraloge
Kurt Holler wurde als Sohn des Oberpostinspektors Robert Holler und der Helene Meyer im heutigen Hayange bei Thionville geboren.[1] Er besuchte ein Gymnasium in Metz, legte das Abitur jedoch 1919 in Halle an der Saale ab. Daraufhin meldete er sich als Zeitfreiwilliger und diente 1919/20 in der Reichswehr.[2.1] Von 1919 bis 1925 studierte Holler Naturwissenschaften und Philosophie an der Universität Halle-Wittenberg, wo er im Februar 1927 seine Dissertation über Vergleichende petrographische Studien an Rhöngesteinen vorlegte.[3] 1929 absolvierte er zudem das Staatsexamen.[2.1]
Holler war kurzzeitig als Betriebsassistent in einem Aluminiumwerk tätig, bevor er 1928 eine Stelle als Assistent am Institut für Geologie und Technische Gesteinskunde der Technischen Hochschule Darmstadt erhielt.[2.1] Dort wurde ihm im Mai 1929 – zunächst vertretungsweise – ein Lehrauftrag für Mineralogie und Petrographie erteilt.[1] Nach seiner Habilitation im Dezember 1932 mit einer Arbeit über Hydrothermale Zersetzungserscheinungen an grönländischen Basalten wurde er in Darmstadt zum Privatdozenten ernannt.[3] Am 20. April 1936 folgte er dem Ruf auf eine außerplanmäßige Professur für Mineralogie und Petrographie ebenda.[3]
Agitator der „Nordischen Bewegung“ und Rassenforscher
Holler zählte früh zu den prominenten Vertretern der „Nordischen Bewegung“. Er war im Wandervogel aktiv und wurde Mitglied des völkischen Jugendbunds Adler und Falken.[2.1] Schon 1923 trat er als Student der NSDAP und der SA bei. Nach deren kurzzeitigem Verbot schloss er sich dem paramilitärischen Bund Oberland an.[4.1] In Halle gründete er 1923 den Bund „Jung-Germanen, Bund nordischer Jugend“, der 1926 in Jungnordischer Bund umbenannt wurde.[5] Auf einer Tagung an Pfingsten 1925 gab Holler die Anregung zur Gründung einer Schirmorganisation der „Nordischen Bewegung“, des Nordischen Rings.[2.2] Diese erfolgte im Mai 1926;[6] der Jungnordische Bund wurde Mitglied.[5] Dessen ab 1924 herausgegebenes Organ, die Nordischen Blätter (bis 1926: Jung-Germanische Blätter. Zeitschrift für nordisch-arische Kultur), wurde bis zur Aufgabe der Funktion aus beruflichen Gründen im April 1928[2.3] von Holler geleitet.[4.2] Außerdem war er bis Mai 1928[7.1] Schriftleiter von Die nordische Bewegung, der Beilage zur überbündischen Zeitschrift Die Kommenden, deren Redaktion er 1928 als Fachreferent für „Rassenfragen“[2.4] angehörte.[8.1] Auch an der Publikation Die Sonne war er von 1930 bis 1932 als Berichterstatter über nordisches Schrifttum beteiligt;[2.1] darüber hinaus fungierte er als „Famulus“ des Schriftleiters der Zeitschrift Rasse, Michael Hesch.[9] Als Schriftleiter der Beilage Die nordische Bewegung folgte ihm erst Dietrich Bernhardi, dann bis Oktober 1929 Margarete Ochse, nach,[2.4] die auch die Frauenorganisation des Jungnordischen Bunds leitete.[8.1] Holler heiratete die Tochter eines Eisenbahnoberwerksmeisters im Jahr 1930.[1]
Ab 1927 leitete er das „Amt für Rassenkunde“ der Adler und Falken;[4.1] später war er im Rang eines SS-Oberscharführers im Rasse- und Siedlungshauptamt (RuSHA) der SS tätig. Zum Tag der nationalen Arbeit am 1. Mai 1933 wurde Holler erneut in die NSDAP aufgenommen (Mitgliedsnummer 2.290.322), in der er sich als Lektor im Rassenpolitischen Amt betätigte.[10.1]
Im Jahr 1936 verließ er Darmstadt,[3] um Oberlandwirtschaftsrat und Dozent für Rassenkunde und Erbbiologie an der von Richard Eichenauer, seinem Nachfolger in der Schriftleitung der Nordischen Blätter,[2.5] geleiteten Bauernhochschule in der Reichsbauernstadt Goslar zu werden.[4.3] Ab 1938 war er an der TH Darmstadt beurlaubt.[1] 1942 wurde er auf einen Lehrstuhl für Rassenbiologie an der Universität Göttingen berufen.[11] Holler war ein Anhänger der Lehren Hans F. K. Günthers[7.2] und gehörte zum engeren Kreis um den Rassentheoretiker.[4.1]
Bekannt wurde Holler aufgrund einer Diskussion im Jahr 1934. Der Zoologe Gerhard Heberer und der Evolutionsbiologe Bernhard Rensch hatten Theorien zur „Rassenbildung“ aufgestellt und vermuteten Umwelteinflüsse als wesentlichen Einfluss. In einem weithin beachteten Essay von Holler in der ersten Ausgabe der Zeitschrift Rasse – Monatsschrift der nordischen Bewegung verurteilte Holler die Theorien als „Umweltaberglaube“. Die Formel „Blut und Boden“ würde Heberer und Rensch als nationalsozialistischer Deckmantel für marxistisch-lamarckistische Argumente dienen, gestützt auf „Messungen des Juden [Franz] Boas und Prof. [Eugen] Fischers, Berlin“.[12] In den folgenden Ausgaben verurteilten mehrere Zoologen die Annahmen von Heberer und Rensch, genauso aber auch jene von Holler.[13]
Nachkriegszeit
Nach dem Krieg war Holler von 1948 bis 1955 Chemiker und Laborchef in der chemischen Industrie und von 1955 bis 1967 Oberstudienrat und Dozent der Landwirtschaftskammer an der Michelsenschule in Hildesheim.[3] In zweiter Ehe war er ab Januar 1958 mit Erna Tonat, der Tochter eines Verwaltungsbeamten des gehobenen Dienstes, verheiratet.[1] Als das Todesjahr von Kurt Holler wird mehrfach das Jahr seiner Pensionierung, 1967, angegeben;[13.1][10.2][14] anderen Angaben zufolge starb er 1981.[8.2][7.2][15]
Veröffentlichungen (Auswahl)
- Hydrothermale Zersetzungserscheinungen an grönländischen Basalten. In: Chemie der Erde. Band 8, 1933, S. 25–44 (zugleich: Habil.-Schrift, TH Darmstadt).
- Rassenpflege im germanischen Freibauerntum (= Forschungen der Gesellschaft der Freunde des Deutschen Bauerntums. Band 2). Verlag Blut und Boden, Goslar 1942.
Weblinks
- Holler, Kurt. Hessische Biografie. (Stand: 21. April 2025). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
- Holler, Kurt Robert Eduard. In: Von Adelung bis Zwangsarbeit. Stichworte zu Militär und Nationalsozialismus in Darmstadt. Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen Darmstadt
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e Holler, Kurt. Hessische Biografie (Stand: 21. April 2025). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS). Hessisches Institut für Landesgeschichte, abgerufen am 18. Februar 2026.
- ↑ Stefan Breuer: Die Nordische Bewegung in der Weimarer Republik. Harrassowitz, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-447-11019-8.
- ↑ a b c d e Holler, Kurt Robert Eduard. In: Von Adelung bis Zwangsarbeit. Stichworte zu Militär und Nationalsozialismus in Darmstadt. Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen Darmstadt, abgerufen am 18. Februar 2026.
- ↑ Hans-Christian Harten: Himmlers Lehrer. Die Weltanschauliche Schulung in der SS 1933–1945. Schöningh, Paderborn 2014, ISBN 978-3-506-76644-1.
- ↑ a b Ulrich Nanko: Vom „Deutschen Glauben“ der Sammlungsbewegung zur „Arischen Weltanschauung“. In: Uwe Puschner, Clemens Vollnhals (Hrsg.): Die völkisch-religiöse Bewegung im Nationalsozialismus. Eine Beziehungs- und Konfliktgeschichte. 2. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, ISBN 978-3-525-36996-8, S. 103–126, hier: S. 112, Fn. 52.
- ↑ Nicola Karcher: Nordischer Ring. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus – Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 5: Organisationen, Institutionen, Bewegungen. De Gruyter Saur, Berlin/Boston 2012, ISBN 978-3-598-24078-2, S. 451–453, doi:10.1515/hdao.5.432.
- ↑ Stefan Breuer: Der Streit um den „nordischen Gedanken“ in der völkischen Bewegung. In: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte. Band 62, Nr. 1, 2010, S. 1–27, doi:10.1163/157007310790192837.
- ↑ Stefan Breuer: Die „Nordische Bewegung“ in der Weimarer Republik. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Band 57, Nr. 6, 2009, S. 485–509.
- ↑ Hans-Jürgen Lutzhöft: Der Nordische Gedanke in Deutschland 1920–1940. Klett, Stuttgart 1971, ISBN 3-12-905470-7, S. 249 (archive.org).
- ↑ Winfried Mogge: „Wir lieben Balder, den Lichten …“. Völkisch-religiöse Jugendbünde vom Wilhelminischen Reich zum „Dritten Reich“. In: Uwe Puschner, Clemens Vollnhals (Hrsg.): Die völkisch-religiöse Bewegung im Nationalsozialismus. Eine Beziehungs- und Konfliktgeschichte. 2. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, ISBN 978-3-525-36996-8, S. 45–64.
- ↑ Mieke Roscher: Zucht und Züchtung. Eine politische Tiergeschichte des „Dritten Reiches“. Böhlau, Köln 2025, ISBN 978-3-412-53307-6, S. 269, doi:10.7788/9783412533090.241.
- ↑ Alexa Geisthövel: Intelligenz und Rasse. Franz Boas’ psychologischer Antirassismus zwischen Amerika und Deutschland, 1920–1942. Transcript, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-8376-2560-8, S. 204.
- ↑ Thomas Potthast: Rassenkreise und die Bedeutung des Lebensraums. In: Hans-Walter Schmuhl (Hrsg.): Rassenforschung an Kaiser-Wilhelm-Instituten vor und nach 1933. Wallstein-Verlag, Göttingen 2003, ISBN 3-89244-471-4, S. 297–299.
- ↑ S. 298, Fn. 66
- ↑ Martin Battran: Jean-Baptiste de Lamarck (1744–1829) und 150 Jahre ‚Lamarckismus‘. Zur Geschichte entwicklungsphysiologisch orientierten Evolutionsdenkens. Band 2. Steiner, Stuttgart 2023, ISBN 978-3-515-13167-4, Personenregister, S. 1593.
- ↑ Holler, Kurt. In: GEPRIS Historisch. Deutsche Forschungsgemeinschaft, abgerufen am 18. Februar 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Holler, Kurt |
| ALTERNATIVNAMEN | Holler, Kurt Robert Eduard (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Mineraloge und Rassenforscher |
| GEBURTSDATUM | 21. April 1901 |
| GEBURTSORT | Hayingen, Reichsland Elsaß-Lothringen |
| STERBEDATUM | 1967 oder 1981 |