Holon
Der Begriff Holon (von griech. ὅλος, hólos und ὀν, on „das Teil eines Ganzen Seiende“) wurde von Arthur Koestler 1967 geprägt und verwendet, er bedeutet ein Ganzes, das Teil eines anderen Ganzen ist. Es wird auch als „Ganzes/Teil“ umschrieben. Die Theorie der Holone ist eine eigenständige allgemeine Systemtheorie.
So ist zum Beispiel eine Zelle für sich ein Ganzes, jedoch Teil eines umfassenderen Ganzen, eines Organs, das wiederum Teil des Körpers ist. Eine so entstehende Hierarchie von Holone nennt man nach Koestler Holarchie (zu altgriechisch ὅλος holos, deutsch ‚ganz‘ ‚vollständig‘ und altgriechisch ἀρχή archē, deutsch ‚Herrschaft‘ ‚Führung‘). Eine Holarchie ist eine hierarchische Struktur aus Holone, die jeweils zugleich eigenständige Einheiten und Bestandteile eines übergeordneten Ganzen sind.
Holone sind also zugleich Ganze und Teile: Sie behaupten ihre eigene Identität und Autonomie, während sie sich gleichzeitig in größere Zusammenhänge einfügen und mit anderen verbinden. In diesem Spannungsfeld entfalten sie zwei grundlegende Bewegungen: die Tendenz zum Wachstum, zur Selbsttranszendenz und Erweiterung von Systemen, des Bewusstseins, sowie die gegensätzliche Möglichkeit der Selbstauflösung, die sich als Regression oder Zerfall manifestieren kann.
Holare Systeme findet man dieser Interpretation zufolge heute in Philosophie, Physik, Automatisierungstechnik, Ökologie, Soziologie, Ökonomie und Informatik.[1]
Begriffsgeschichte
Jan Smuts verwendete, in Holism and Evolution (1926[2]) den Begriff „Holismus“. Er beschrieb Natur, Leben und Geist als verschachtelte Ganzheiten. Die Natur bestünde aus Ganzheiten, die mehr seien als die Summe ihrer Teile. Diese Ganzheiten wären verschachtelt (z. B. in der Folge: Materie → Leben → Geist). Aber Smuts sprach dabei von wholes, structures, unities, holism nicht explizit von dem Holon.
Mit englisch Near-Decomposable Systems (1962) beschrieb Herbert A. Simon komplexe Systeme, die sich in Teilsysteme zerlegen lassen, die kurzfristig weitgehend unabhängig voneinander agieren (lokales Gleichgewicht), aber langfristig durch schwache Wechselwirkungen miteinander verbunden bleiben und sich auf ein globales Gleichgewicht zubewegen. Das Konzept, erklärt, wie komplexe Systeme trotz ihrer Vielzahl von Komponenten durch diese Zeit-Skalen-Trennung (kurzfristige Unabhängigkeit, langfristige Abhängigkeit) stabil bleiben und sich entwickeln können, was das Verständnis erschwert, aber auch vereinfacht, da man sich auf bestimmte Zeitebenen konzentrieren kann.[3] Herbert A. Simon kann damit als der konzeptuell nächste Vorläufer des späteren Holarchie-Begriffs angesehen werden. In seiner Analyse komplexer Systeme beschreibt er diese als hierarchisch verschachtelte Ordnungen von Subsystemen, die jeweils über eine relative Autonomie verfügen. Diese Subsysteme zeichnen sich dadurch aus, dass ihre internen Wechselwirkungen stark ausgeprägt sind, während ihre Kopplung nach außen vergleichsweise schwach bleibt. Gerade diese Struktur ermöglicht es komplexen Systemen, Stabilität und Anpassungsfähigkeit zugleich zu bewahren und bildet damit eine Vorstellung, die dem späteren Holon-Konzept in Terminologie und Struktur außerordentlich nahekommt. Trotz weitgehender konzeptueller Übereinstimmung bleibt Simons Ansatz auf eine funktional-strukturelle Beschreibung komplexer Systeme beschränkt, während Koestler, wie folgt, das gleiche Strukturprinzip zusätzlich ontologisch verankert und erkenntnistheoretisch reflektiert.
Erst mit Arthur Koestler, er publizierte im Jahre 1960 The Lotus and the Robot, in dem er sich mit östlichen Weisheitslehren beschäftigte, aber vor allem in seinen späteren Werken, trat der Begriff als solcher in die wissenschaftliche Diskussion ein. In weiteren Werken, so The Act of Creation (1964) und The Ghost in the Machine (1967) beschrieb er seine theoretischen Überlegungen zu Bisoziationen, Offene Hierarchische Systeme und eben der Holone.[4]
Ken Wilber und seine holistische Theorie
Eine weitere holonische Theorie wurde von Ken Wilber[5] auf Basis von Koestler konzipiert. Nach Wilber hat jedes Holon
- zwei „Triebe“ oder „Tendenzen“: seine Ganzheit zu bewahren („Agenz“) und seine Teilheit zu bewahren („Kommunion“)
- ein „vertikales Vermögen“ zur „Selbstranszendenz“ (Bildung höherer Einheiten) und „Selbstauflösung“ (Zerfall in seine Bestandteile).
Das sind die „vier Triebe“ eines jeden der Holone nach Ken Wilber.[6] Die Konzeption der Holone nach Wilber unterscheidet sich in wesentlichen Aspekten von Koestlers Entwurf.[7]
„(…) Die Grundaussage blieb jedoch stets dieselbe: Die Wirklichkeit ist eine Aufeinanderfolge von Schachteln in Schachtel [Holone], die sich vom Stoff bis zum GEIST in der Weise erstreckt, daß alle Wesen und alle Ebenen letztlich in der alles durchdringenden und liebevollen Umarmung eines allgegenwärtigen GEISTES sind. Jede höhere Ebene der Großen Verschachtelung schließt die niedrigeren ein, besitzt ihrerseits emergente Eigenschaften, die auf den tieferen Ebenen nicht vorhanden sind. (…) Kurz, jede höhere Ebene besitzt die Grundmerkmale der niedrigeren Ebenen, fügt diesen aber Elemente hinzu, die man auf diesen nicht findet. Jeder höhere Ebene transzendiert die niedrigeren und schließt sie ein. (…)“
Literatur
- Arthur Koestler: Die Wurzeln des Zufalls. Scherz, München 1984 (The Roots of Coincidence, 1972), ISBN 3-502-15386-8
- Arthur Koestler: Janus, A Summing Up. London 1978, ISBN 0-330-25842-7, (Appendix 1)
- Jan Smuts: Holism and Evolution. Macmillan, London 1926
- Ken Wilber: Eros Kosmos Logos. Eine Jahrtausend-Vision. Fischer, Frankfurt, ISBN 978-3-596-14974-2
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Karl Wimmer: Holacracy – Die Hierarchie der Kreise Ein Organisationsmodell ohne Chefs? Zur Architektur einer agilen Organisationsform. Netzwerk für balancierte Entwicklung, Februar 2021 [1] S. 2–5
- ↑ Jan Smuts: Holism and Evolution. Macmillan, London 1926 (Deutsch: Die holistische Welt. Mit einem Vorwort des Verfassers zur deutschen Ausgabe und einem Geleitwort von Adolf Meyer, herausgegeben und übersetzt von Helmut Minkowski. Metzner, Berlin 1938)
- ↑ Herbert A. Simon: The Architecture of Complexity. Proceedings of the American Philosophical Society, Vol. 106, No. 6. (Dec. 12, 1962), S. 467–482, auf faculty.sites.iastate.edu [2] S. 473
- ↑ Christian Wiesner, Elisabeth Windl: Pädagogisches Ethos als Holon. journal für lehrerInnenbildung, 2021 (3), 110–117. https://doi.org/10.35468/jlb-03-2021-08[3] S. 111
- ↑ Ken Wilber: Eine kurze Geschichte des Kosmos. 7. Auflage, Fischer, Frankfurt, ISBN 3-596-13397-1, S. 40 ff.
- ↑ Joachim Prenzel: Ken Wilber und das Integrale Denken – Ein Überblick. IKP-Intergrale Theorie. Ein Angebot des Bereichs Kunst/Gestalten an Grund- und Förderschulen der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg, S. 6 (integrale-kunstpaedagogik.de).
- ↑ Diagramm nach Ken Wilber: Eros, Kosmos, Logos. Eine Jahrtausend-Vision. Fischer, Frankfurt am Main 2066, ISBN 978-3-596-14974-2, S. 152, auf encrypted-tbn0.gstatic.com [4]